Mein inneres Kind

Mein inneres Kind

Stell dir vor, du bist wieder 14 Jahre alt. Du verlässt die Schule, hast Träume und Hoffnungen. Deine Mutter, die so viel für dich getan hat, übergibt dich vertrauensvoll in die Hände von Menschen, die dir ein Zuhause versprechen – um dich dann schamlos auszunutzen.

Stell dir vor, du bist weg von der liebevollen Umgebung deiner Familie, denen du nicht mit deinen Sorgen zur Last fallen willst – oder mit deinen Erfahrungen sexueller Übergriffe am Arbeitsplatz, die du mit deinen 14 Jahren noch nicht erkennst – geschweige denn darüber reden kannst.

In meinem Beitrag 14 Jahr – blondes Haar habe ich darüber berichtet, welche schrecklichen Erfahrungen ich kurz nach der Schulzeit machen musste. Ich dachte, es wären keine bleibenden Schäden geblieben, aber das habe ich mir wohl nur eingeredet.

Samstags habe ich im Café Steiner bedient, bis ich müde und erschöpft in einem unbeheizten, nicht ausgebauten Dachboden ins Bett fiel. Montag bis Freitag habe ich nach einer unruhigen Nacht die Kinder des Café-Besitzers für die Schule fertig gemacht. Dann habe ich den ganzen Tag bei Schuh Friedl gearbeitet, wo ich wöchentlich Situationen sexueller Nötigung ausgesetzt war. Nur um abends wieder im Café Steiner Industriespülmaschinen zu leeren, an der Bar oder in der Küche auszuhelfen oder in der Backstube, um abends wieder ausgelaugt ins Bett zu fallen. Tag für Tag.

Versteh mich nicht falsch: Als Geschäftsführerin mit über 40 Jahren Erfahrung weiß ich, was Druck bedeutet und wie wichtige sorgfältige Arbeitsweise ist. Als Geschäftsführerin eines Etablissements kenne ich den Unterschied zwischen einem harmlosen Flirt und eines sexuellen Übergriffs sehr genau. Wenn ich als 14-Jährige also von meinem Chef zum Kaffeetrinken eingeladen werde oder im Rock bekleidet das Regal ganz oben füllen soll, während mein Chef mir von unten dabei zusieht und mir dabei Blicke zuwirft, die ich als Kind seltsam fand, doch als Frau nun klar einordnen kann, kann ich nicht mehr sagen, dass es keine Spuren hinterlassen hat.

In Zeiten, in denen Achtsamkeit und Selbstfürsorge großgeschrieben werden, was würde ich meinem 14-jährigen Ich sagen? Ich würde sagen: „Ich bin stolz auf dich. Du hast das nicht verdient. Du hast es verdient, geliebt zu werden, behütet aufzuwachsen und nicht von Menschen ausgenutzt zu werden, bis du alt genug bist, dich zu verteidigen.“ Und ich würde sagen: „Kopf hoch! Macht weiter, kleines Mädchen, du wirst deinen Weg gehen und wirst als Chefin und als Mensch besser sein.

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